… oder zumindest eine genauere? Neue Forschungsergebnisse des Leibnitz-Instituts für Neurobiologie Magdeburg machen mich diesbezüglich hellhörig. [Kategorie Coaching und Neurologie]]
Dem Magdeburger Arzt Björn Schott aus dem Team von Prof. Emrah Düzel ging es bei seinen Forschungen allerdings explizit nicht Zielearbeit, sondern um altersspezifische Unterschiede beim Lernen, und dort wiederum um den Einfluss von Belohnungsreizen. Daher skizziere ich zunächst ihren Ansatz und ihre Erkenntnisse, bevor ich die Gedanken anfüge, die mir als Coach zu ihren Ergebnissen kommen.
Schott ging es um altersabhängiges Lernen und um die Auswirkung von Motivation auf das Lernverhalten. Dafür ließ er ältere (62 bis 78 Jahre) und jüngere Probanden (19 bis 28 Jahre) eine bestimmte Art Zahlenrätsel lösen und untersuchte mit Hilfe simultaner Aufnahmen des Computertomographen, welchen Effekt Belohnungen auf die Lösungsqualität und auf den Lerneffekt hatten, der sich im Laufe der Tests einstellte.
Auch diese Studie bewies mal wieder, dass Lernen alten Menschen generell ebenso möglich ist wie jungen, sofern keine neurologischen Krankheiten oder Störungen vorliegen. Lediglich im Lerntempo scheinen die Jüngeren den Alten etwas im Vorteil zu sein. Ein signifikanter Unterschied zwischen den Generationen ergab sich aber, was den Einfluss von Motivation durch Belohnungen betrifft: Schon beim Versprechen kleinster Belohnungen wie 50 Cent lösten die Jungen die Aufgaben schneller und mit einer höheren Trefferquote als ohne Belohnungsversprechen. Auf die Älteren hingegen blieben diese Leistungsanreize fast ohne den förderlichen Einfluss: Die Aufnahmen des Computertomographen belegen, dass die Belohnungszentren im Gehirn der Älteren erst dann aktiv wurden, wenn die Probanden die Belohnung tatsächlich erhielten (und nicht bereits, wenn sie nur in Aussicht gestellt wurden)!
Für die Magdeburger Mediziner drängt sich angesichts dieser Ergebnisse vor allem eine Frage auf:
Sind alte Menschen gegen über Gewinnversprechen (etwa aus neurologischen Gründen) nicht mehr empfänglich oder erwarten sie einfach weniger, weil sie im Laufe ihres Lebens häufiger enttäuscht wurden?
(Dass die Mediziner damit implizit davon ausgehen, dass Menschen im Leben eher enttäuscht als erfolgsbelohnt werden oder aber, dass die Enttäuschungen emotional stärker „zu Buche schlagen“ als Erfolge, sei hier nur kurz angemerkt.)
Stellt man sich die Frage etwas genereller, wird deutlich wie die Untersuchungen der Magdeburger mich auf meine eigenen Gedanken hierzu bringen:
Muss sich bei Älteren Erfolg erst eingestellt haben, um motivierend zu sein?
Wäre dem so, müsste man fürs Coaching in der Zielearbeit mit Älteren eventuell besondere Wege gehen. Denn die klassische Zielearbeit, etwa im Neurolinguistischen Programmieren (NLP) arbeitet zentral mit der Methode, dass man den Klienten gleich zu Beginn der Arbeit dazu einlädt, sich auf allen Sinneskanälen vorzustellen, er habe sein Ziel bereits erreicht (so genannter Als-ob-Frame). Erst dann werden mögliche Probleme und Bedenken geklärt, und zwar während die Zielvorstellungen weiterhin aktiviert bleiben. Das mag einigen „Realitätsfanatikern“ zunächst wie Augenwischerei vorkommen, verfolgt aber ein wichtiges (inzwischen auch neurologisch bestätigtes) Prinzip: dem Erarbeiten von Lösungen im Kompetenzmodus des Betroffenen.
Ein Mensch der sich dauerhaft von einem Problem belastet fühlt (Problemmodus) , unterscheidet sich nämlich deutlich von dem gleichen Menschen, der seine Themen klärt wie am Schnürchen (Lösungsmodus). Im Problemmodus werden ein großer Teil seiner Lösungskompetenzen sogar in organischer Hinsicht gelähmt. Die Lösungen, die der Betroffene unter der Problemlast (auch unter einer unbewussten) entwickelt sind daher oft das Problem in Grün und bringen nicht wirklich weiter – oder aber die Lösungsentwicklung wird angesichts der vermeintlich übermächtigen Problemlage sogar ganz eingestellt. (Mehr dazu hier.)
Genau diese unerwünschten Effekte umgeht man, wenn der Coach seinen Klienten zu Beginn in ein zielspezifisches Erfolgserleben „schickt“. (Nun stellen Sie sich bitte einmal mit allen Sinnen vor, Sie hättesn die Firma, die Sie gründen wollen, bereits gegründet. Nicht nur dass: Sie sind bereits im zweiten äußerst erfolgreichen Geschäftsjahr.) Dieses Erleben geht nämlich fast immer damit einher, dass der Betroffene vom Problem- in den Lösungsmodus wechselt. (Für mich in der Arbeit mit Klienten wie im Selbstcoaching ist es immer wieder beeindruckend, wie förderlich sich dieser Moduswechsel auf die Lösungsorientierung auswirkt.)
Die Ergebnisse der Magdeburger Mediziner deuten darauf hin, dass dieses Prinzip der Zielearbeit bei Älteren möglicherweise nicht so uneingeschränkt genutzt werden könnte wie hier beschrieben. Denn gerade auf den (zukunftsbetonten) Als-ob-Frame lassen sich die Alten ja offenbar weniger ein als jüngere. -
Möglicherweise entwickeln Ältere aber während ihres Lebens nur spezifische individuelle Erwartungen und sind irgendwann einfach nur weniger zugänglich für allgemeine Belohnungsformen als Junge. Vielleicht reizt auch gerade Geld alte Menschen weniger, während immaterielle Werte wie Gesundheit an Bedeutung gewinnen.
Eventuell ist es aber auch für eine wirksame Zielearbeit mit alten Probanden nur notwendig, die Vorstellung neuer Ziele stärker mit den Erfolgserfahrungen zu verbinden, die diese Menschen in ihrem Leben schon gemacht haben. Mir scheint ein Rückgriff auf diese „Habenseite“ in der zweiten Lebenshälfte nur natürlich und naheliegend.
Um obige „Vielleichts“ und „Eventuells“ zu klären, wäre es natürlich schön, den Effekt einer Zielearbeit analog zur Vorgehensweise der Magdeburger ebenfalls mit Hilfe eines Computertomographen zu untersuchen. (Mal sehen, was die Zukunft da bringt.)
Besonders interessant sind diese Überlegungen, wenn man erwägt, unterstützendes Coaching als Reha-Begleitung etwa in der Neurologie zu nutzen. (Hierzu bereite ich gemeinsam mit einer Reha-Klinik in Köln gerade ein Projekt vor.) Die Erkenntnisse der Magdeburger zeigen nämlich auch, dass die Belohnungszentren des menschlichen Gehirns nicht nur altersbedingt, sondern auch durch Erkrankungen schwerer aktivierbar sein können. Offenbar sind diese Phänomene abhängig vom Dopamin-Stoffwechsel des Gehirns. Da dieser bei einigen neurologischen Erkrankungen wie etwa Parkinson eine wichtige Rolle spielt, könnte sich Coaching für betroffene Patienten als ebenso lohnende wie anspruchsvolle Maßnahme erweisen.